Hobby-Autoren zum Thema BERLIN MOBIL : Wettbewerb der Berliner Woche (Bezirksblatt) im März 2007


Titel :   Calamar oder doch alles wahr ?

 

Autor : Hannelore Daniels alias hada1712


 

Ich lief über graubraune Schollen eines Ackers und dachte mit aller Ernsthaftigkeit darüber nach, warum es noch Menschen gab, die aus lauter Idealismus ihre Nahrung selber produzieren. Mit diesen Gedanken beschäftigt, sollte ich nicht merken, was sich im wahrsten Sinne des Wortes über meinem Kopf zusammenbraute...

 

Die im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten Verkehrssysteme waren  ohne nennenswerte Ergebnisse getestet worden.

Mit den zuständigen Behörden wurde festgelegt, nur dann weiter zu forschen, wenn in kürzester Zeit größere Erfolge erzielt werden könnten.

 

Technisch war dies eines unserer Alltagsprobleme, aber eines, das sehr viel Zeit und Kosten in Anspruch nahm. Jetzt waren sie da, die Erfolge.

 

Viele Probleme der letzten Jahrhunderte waren bereits von hervorragenden Wissenschaftlern gelöst worden:

Keiner hungerte, keine Überbevölkerung – Geburtenkontrolle durch autogenes Training, dazu eine regenerierte Natur, als ob es nie Umweltverschmutzung gegeben hätte.

 

Sprichwörtlich : Berliner Luft ( ja, diesen Ausdruck gab es noch, sogar ein Lied davon).


Das Lied jetzt anhören ...


Sämtliche Verteidigungssysteme waren auf  verschiedenen Umlaufbahnen um die Erde und

einschließlich des Mondes stationiert,  doch nur zu dem Zweck einer Gesamtverteidigung anwendbar.

Ein Traum vieler Jahrhunderte war in Erfüllung gegangen.

 

Ich war über den Acker hinweg und stand wie beschrieben vor einer kleinen Hütte aus deren Kamin dünner Rauch aufstieg. Davor ein kleiner Garten mit den schönsten Blumen, die ich in der letzten Zeit zu Gesicht bekommen hatte. Wer hier wohnte, gab sich alle Mühe unserer regenerierten Natur gerecht zu werden .

Nur wozu? Unsere Natur war doch wieder natürlich, oder nicht ?

Unbewusst erlebte ich die ersten Zweifel, denen ich später folgen sollte.

 

Hinter der Hütte aus Holz befand sich eine Kleinere, in der wohl Gartengeräte aufbewahrt wurden, denn ein junger Mann mit Hacke und Schaufel trat aus ihr heraus. Er sah kurz zu mir herüber und ging dann zielstrebig in den Garten .

 

Während er seine Arbeit aufnahm, ging ich auf ihn zu, um das erwartete Gespräch zu beginnen.

Nach ausführlichen Erklärungen auf eine Reihe meiner Fragen begaben wir uns in sein Haus um dort unsere Unterhaltung fortzusetzen.

 

Unsere lebhafte, mitunter heftig werdende Diskussion dauerte dreiviertel des Nachmittags, bis – er hieß Joel Roda -  bis Joel zum eigentlichen Thema kam mit dem er mich fesselte.

Wiederum ahnte ich nicht was sich über meinem Kopf zusammenbraute.

 

Joel erklärte mir anhand einiger Aufzeichnungen, das jeder Versuch, unsere Erde wieder zu dem werden zulassen was sie ohne den sogenannten Fortschritt war, im Moment als gelungen anzusehen sei, aber auf Dauer doch nur als Trugschluss betrachtet werden durfte.

 

„Mila, das alle Waffen  außerhalb der Atmosphäre kreisen, ist der größte Fortschritt aller Zeiten, - aber auch gleichzeitig ein Rückschritt“. –„Hör mir bitte zu, ich werde dir das noch erklären. Das alle Völker sich verstehen ist kein Fortschritt sondern nur natürlich. Ich weis du würdest mir gerne widersprechen, aber gedulde dich doch “ - nach einer kleinen Pause fuhr er fort.

 

„ Als sich vor mehr als 300 Jahren die ersten Umweltparteien – z.B. die Grünen usw. – gründeten und in die damaligen Parlamente einzogen, wurden Weichen gestellt die zu dem geführt haben was als die regenerierte  Umwelt von heute empfunden werden kann.

Zugegeben ist sie um einiges besser als damals, dennoch sind Zeichen einer Entwicklung  vorhanden die wieder zum Gegenteil  führen. Durch Verlegung der Energieproduktion unter die Erdoberfläche und der Abwehrsysteme außerhalb der Atmosphäre , hat sich eine Situation aufgebaut, die ins Chaos führt, - ohne Ausnahme.

 

In meinen Analysen über die Zusammenwirkung dieser Komponenten, , deren Kräfte Abstrahlung in die Atmosphäre verursacht, hat sich die Erde langsam aber sicher in ein Objekt verwandelt

das als aggressiv und negativ eingestuft werden muss.

Eine Betrachtung dieser Faktoren zeigt auf, das dem Suchen nach neuen Existenzmöglichkeiten

nur negative Ergebnisse folgen können.

 

Ich wagte nicht dazwischenzufragen um Joel nicht zu unterbrechen, aber ich erwartete

jeden Moment das Alarmzeichen meines Computers, den ich am Handgelenk trug,

dass meine Pulsfrequenz die Kollapsgrenze überschritt.

 

„ Aggressiven Symptomen sind die Menschen in den letzten Jahrhunderten aus dem Weg gegangen, oder konnten sie gewaltlos beseitigen. Wer möchte da behaupten dass, wenn es Außerirdische Lebensformen gäbe, diese sich nicht genauso verhalten oder im schlimmsten Fall versuchen diese vermeintliche Aggressivität zu vernichten.

Ob dies für menschliches Verständnis gleichfalls gewaltlos empfunden würde, kann ich nicht beurteilen.

 

„Die Raumforschungsprojekte sind seit Jahren eingefroren“ erwiderte ich : “Es wird in der Zwischenzeit nach neuen Formeln der Schwerkraftüberbrückung gesucht!“

 

„Mila, das ist permanent nicht so wichtig, diese Abwehrsysteme, sie müssen umgestellt oder

ganz aus der Umlaufbahn genommen werden.

Sie schützen nicht, sie zerstören!“

 

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her, spätestens jetzt musste ich zum Angriff über gehen, denn das konnte doch nicht wahr sein.

Unser mit viel Mühe erarbeitetes Verteidigungssystem wurde in Frage gestellt.

 

„ Joel weißt du was du da sagst, die Welt wird sich wieder uneinig sein, manche werden darauf verzichten können, manche nicht!“

 

Er lachte: „ Auch du wirst es noch verstehen und die Anderen auch. Du wirst schon sehen.“

 

Ich verabschiedete mich von Joel mit dem Versprechen, in ein paar Tagen wiederzu- kommen und vor allen Dingen darüber nachzudenken .

 

Bereits auf dem Weg in die Stadt ließen mich diese Gedanken nicht mehr los.

Vor was, vor wem sollte uns unser Verteidigungssystem schützen ?

Wir hatten nichts im Weltraum gefunden und wer bis hierher kam, den konnte dann auch nichts mehr aufhalten

 

Zusammenhänge wurden mir mehr und mehr deutlich , aber deren Reihenfolge zu bestimmen war mir keineswegs möglich.

 

 

Ich bestieg an einer Endstation eine Verkehrseinheit, gab das Ziel ein und lehnte mich zurück.

Meine Gedanken sprangen hin und her und für mein Empfinden erreichte ich mein Ziel schneller als gewohnt.

 

Die Verkehrseinheiten waren ein Segen für diese Stadt.

 

S- und U-Bahn, Busse , LKW´s , viele private Automobile waren nicht mehr nötig.

Ein Verkehrssystem, an dessen Erfindung und Planung ich maßgeblich beteiligt war, konnte von zu Hause aus bestellt werden, alle 250 m war der Zustieg möglich.

Es sah aus wie eine überdimensional ausgebaute Straßenbahn, nur feiner, komfortabler und  -  umweltschonender.

Ob als Einzelkabine zum individuellen Ziel oder als zusammengefügter Zug zur Arbeit.

 

Stationen vor ihrer Wohnung bekamen Schwerbehinderte, das ersetzte den Parkplatz mit dem Rollstuhlzeichen, aber das war auch jetzt noch auf den Kabinen zu finden.

Sie bleiben für den gesunden Bürger nicht benutzbar.

 

Die alten S- und U-Bahntrassen waren umgebaut zu Transportlinien. Alle Geschäfte mussten ja auch mit Ware versorgt werden. Zu sehen war es dann allerdings nicht.

 

Und so entstand das Stadtbild einer großen Fußgängerzone in der gelegentlich jetzt aber immer häufiger auch wieder Fahrradfahrer zu sehen waren.

Für sie wurden auch wieder Fahrradwege gebaut, war ja schon immer eine

gesunde und umweltschonende Fortbewegung. Nur, einige übertrieben es, fuhren

ruppig, unachtsam und gefährdeten die Fußgänger .

Dem musste Einhalt geboten werden!  Also nur auf Fahrradwegen.

Wer dies missachtete, hatte in seinem Urlaub soziale Arbeit zu leisten. Nix mit weg fahren.

 

Ich arbeitete seit fünf Jahren in einer der vielen Überwachungsabteilungen für unsere Raumstationen.

Mein Dienst belief sich auf täglich drei Stunden am Überwachungsschirm  und

weiteren zwei Stunden Schulung zur Aufarbeitung der neuesten Erkenntnisse

und Systeme. Gefahrensituationen wurden simuliert und unter Kontrolle gebracht.

 

Nur mit größter Anstrengung überstand ich heute diese Stunden und hätte zu gerne Bezug auf mein Erlebnis vom Vortag genommen.

Ich hielt mich mit aller Kraft zurück, denn meine Gedanken hierzu waren noch zu frisch, noch zu emotional.

 

Die nächsten Tage vergingen wie gewöhnlich, doch ich war verändert, auch wenn

ich es mir nur sehr langsam eingestand.

Mein nächster freier Tag führte mich wie von selbst zu Joel´s Haus. Es war wohl wie ein Zwang , den ich mir nicht erklären konnte. Aber erklären konnte ich mir schon seit Tagen nichts mehr.

 

Entweder hatte sich doch einiges verändert oder ich bildete es mir nur ein.

Langsam erfasste mich eine Unruhe die hartnäckig an mir haftete und sich nicht abschütteln noch mit Verstand bekämpfen lies.

 

Ich rief nach Joel, öffnete die Tür, fand ihn nicht, ging zur kleineren Hütte und wieder zurück.

Da ich mich nicht angemeldet hatte, schaltete ich den Videoschirm ein um ihm eine Nachricht zu hinterlassen.

Das war das Letzte was ich noch bewusst wahrnahm.

Ich schlief und schlief doch nicht, ich träumte und träumte doch nicht.

 

Ich erwachte in einem Raum der mir bekannt vorkam, den ich aber noch nie zuvor betreten hatte.

Wo war ich?

Ich sah mich um und auf einem der vielen Videoschirme erschien eine Nachricht.

Meine Neugierde unterdrückte für einen Moment ein aufkommendes Angstgefühl.

 

„ Mila, die Symptomatik die wir bereits in unserem ausführlichen Gespräch behandelten, ist als zwingend einzustufen. Es wurden daher geeignete Programme entwickelt, daher befindest du dich und weitere achtundvierzig deiner Kollegen in einem Sonderprogramm. Wir sehen uns später! Joel.“

 

Mir schwanden die Sinne.

Erneut erlangte ich mein Bewusstsein.

Erst jetzt merkte ich an den Seiten der Liegen Tastaturen, dessen Bedeutung ich sofort erfasste.

Einen Augenblick später bemerkte ich Joel. Ich verlangte sofort und ausschließlich eine Aufklärung. So etwas wie Wut wollte in mir aufsteigen.

„Was soll das bedeuten?“ ich musste doch sehr wütend geklungen haben.

„Reg dich nicht auf, du bist bestens aufgehoben!“ nur kamen diese Worte nicht von Joel selber, sondern der Computer sprach zu mir und forderte mich gleichzeitig auf, die Informationstaste zu drücken. Wie von selbst glitt meine Hand über die Tastatur und rief das Programm ab.

 

Unfähig mich zu rühren las ich:


Name                          : hoffman, mila - weiblich

Geb.                            : 22.3.2307, berlin, europa

Wohneinheit               : 8773353

Nation                         : terra-8.solarsystem

Qualifikation                : quotient 281, für außergalaktische vorhaben

Bewertung                  : hervorragend

Ausbildung                  : verkehrs-, informations- und verteidigungstechnikerin


Name                          : roda, joel - männlich

Geb.                            : 1.3.2299, vota-IV

Wohneinheit               : IV-50055

Nation                         : calamar-12.mill.sonorsystem

Qualifikation                : quotient 300, für außergalaktische vorhaben

Bewertung                  : vorzüglich

Ausbildung                  : galaktiker (forschung und ziel)



Die restlichen achtundvierzig Informationen las ich wie in Trance. Ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, das

dies völlig real geschah und noch mehr Zeit, um mich von diesem Schock zu erholen.

Nach und nach löste sich meine Verkrampfung. Dann war Joel in Person da.

 

„Was ist das hier und wo sind die Anderen“.

„Sie werden nach und nach auf unsere Ebene gebracht , mit aller Behutsamkeit natürlich, damit keine Panik entsteht und unser Vorhaben nicht unnötig gefährdet wird“.

„Was für ein gemeinsames Vorhaben ?“ Ich blickte immer noch nicht durch, wahrscheinlich war ich noch zu blockiert.

„Wie du dich erinnern wirst, sprachen wir über die aggressive Abstrahlung deines

Heimatplaneten. Ich behauptete dass es sich so entwickeln würde, und...“

„Weiter, weiter!“ mein Herz schlug mir bis zum Hals, was würde jetzt noch kommen?

„ Nun, die ganze Wahrheit ist, das diese Strahlung schon seit Jahren, ja seit Jahrzehnten nicht nur in den Weltraum abstrahlt. Dies begann kurz nach der Verlegung der Energiequellen unter die Erde, aber niemand von euch hat sie bemerkt.

Wir Calamaner sind eine Weiterentwicklung der menschlichen Rasse, von der

Sie vor ca. 5600 Jahren getrennt wurde.

Calamar bot uns eine Besonderheit. Du wirst sie noch erleben..

Der Rat von Calamar hat beschlossen der Menschheit hilfreich zur Seite zustehen

und eventuell das Schlimmste zu verhindern. Und jetzt kommt der Grund für eure Anwesenheit: ohne Erdgeborene ist das ganze Projekt nicht durchführbar.“

 

In meinem Kopf drehte sich alles und eine Menge Fragen stürmte auf mich ein

 

Joel musste meine Gedanken erraten  haben, was auch bestimmt nicht schwer fiel.

„ Na dann schieß schon los, doch zuvor noch ein paar Informationen vorweg,

dann kannst du eine Frage nach der anderen stellen. Aber nicht mehr so aufgeregt,

es besteht überhaupt kein Grund dafür.

Du und die Anderen,  ihr seid von uns als die Fähigsten ausgewählt, die Rettung der Erde einzuleiten.

Allerdings der Preis ist hoch und ein Zurück gibt es nicht.

 Ihr werdet euer Leben nicht auf der Erde beenden können, sondern nach Calamar oder einem anderen Planeten des sonoren Systems zurückkehren.

Der einzige Grund für diese Maßnahme besteht darin, noch bevor unsere Aufgabe erfüllt ist, werdet ihr geistig soweit entwickelt sein, das eure Erde euch keine angemessenen Aufgaben mehr stellen kann. Das letzte Stadium ist Verzweiflung mit all ihren Facetten und ein Leben so leichtfertig auf´s Spiel zu setzen würde sich nicht mit unserer Aufgabenstellung decken.“

Erst jetzt bemerkte ich im Hintergrund ein leise Musik die angenehm und warm klang.

„ Wo sind wir?“

„ Etwa-, Moment .“ Joel fragte die Position von Bildschirm ab. Wir befanden uns hinter dem Andromedanebel, von dem ich wusste, dass er 3 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt war.

„ Ein Zehntel haben wir zurückgelegt. Du kannst dir die Koordinaten auf den Schirm

einspielen. Vorerst noch mit Erklärungen und Umrechnungen auf deinen momentanen Wissenstand. Später wird das nicht mehr nötig sein.“

Ich drückte die entsprechende Taste und erhielt sofort alles Wissenswerte.

Die Zahlen und Werte waren astronomisch – gingen über mein Vorstellungsvermögen.

„ Wo sollen wir hin?“  „ wo wollen wir hin?“ korrigierte mich Joel, „Denk bitte daran das du an dieser nicht einfachen Aufgabe mitarbeitest.“

„ OK, OK“  lenkte ich ein “ wo wollen wir hin?” wiederholte ich.

„ In neun Zehntel der Gesamtreisezeit werden wir Calamar erreichen, meinen Heimatplaneten. Dort werdet ihr auf den gleichen Wissensstand gebracht.

Du wirst Calamar erleben, es wird dir dort gefallen“.

 

Er machte eine Pause, nahm eine andere Haltung ein und sprach weiter:

 

„Calamar wirkt fast wie Terra, optisch gesehen.

Und nun zu der Besonderheit.

Auf Calamar herrscht eine ultraencephalone Atmosphäre, das heißt:

wer auch immer von der Erde oder anderen Planeten kommend, Calamar

betritt, dessen Endhirn, mit seinen wichtigsten Funktionen, wie Bewusstsein, Intelligenz, Gedächtnis und Wille, wird so stark aktiviert, das allein durch anhören und optischen Studien unser ganzes Wissen dauerhaft verständlich, und vor allen Dingen auch anwendbar wird.“

Ich atmete tief durch „ Was wird unsere Aufgabe sein ?“

„ Wir werden alle in den Bereich der Erde zurückkehren und mit unserer Arbeit beginnen. Mehr kann ich dir jetzt noch nicht sagen, noch würdest du es nicht verstehen. Ruhe dich etwas aus. Die Anderen müssen auch noch beruhigt werden“.

 

In der restlichen Zeit, mit dem Ziel Calamar, hatten wir alle Hände voll zu tun die Anderen zu beruhigen und ihnen ihre verantwortungsvolle Aufgabe klar zu machen.

Es war kein Leichtes, einige wollten es absolut nicht glauben und sahen sich nur gekidnapped.

 

Wieviel Tage nach irdischer Zeitrechnung vergangen war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Bis wir Calamar erreichten, war mein Zeitgefühl durch Schlaf unterbrochene Arbeitsperioden völlig dahin.

 

Dann war es soweit.

 

Noch auf das Galys, so hieß unser Raumschiff, wurden wir in Teams zu sieben eingeteilt.

Wir fuhren in diesen Gruppen zum Ausgang der Galys, das Schott wurde geöffnet, und ......, wir trauten unseren Augen nicht!

Ich hätte nicht sagen können wo wir waren, wenn nicht......wenn nicht dieser Planet von zehn Sonnen der verschiedensten Helligkeit umgeben gewesen wäre.

 

In den folgenden Solareinheiten wurde uns alles vertraut gemacht.

Eine Solareinheit- auf der Erde hätten wir wohl einen Tag gesagt- war in zehn Solinen eingeteilt, entsprechend dem Auf-  und Untergang der zehn Sonnen.

Auch war die Helligkeit der Sonnen abhängig vom Stand am Horizont.

Trabanten oder Monde besaß der Planet nicht.

 

In der Natur von Calamar herrschten die Farben Rot, Beige Goldfarben und Silbergrün vor, eine gelungene Kombination von Wärme und Kälte, die jeder ganz nach Gefühl aufnahm.

 

Rotbeiges kurzes Gras - ähnlich englischem Rasen - ebenmäßige Bäume , fünf bis sechs Meter hoch. Silbergrüne Stämme mit abwechselnd roten und goldfarbenen Blättern .

Je nach Baumart- halbhohes Gewächs, buschartig, in den gleichen Farben. Aber von mehr Vielfalt.

Blüten, Blumen, Gemüse und essbare Früchte, alles in einer ebenmäßigen Schönheit die für Sekunden die Sinne betäubten.

Tiere waren auch anzutreffen, diese aber zu beschreiben würde bei Einem nach dem Anderen misslingen.

Die müsste jeder selber ins Auge fassen.

 

Gesellschaftlich konnte Calamar als klassenlos eingestuft werden.  Alle wurden nach ihrer Ausbildung mit den entsprechenden Aufgaben betraut und waren gleich geachtet.

 

Zur Technik blieb nur zu sagen, dass ich das alles noch nicht verstand, vieles blieb vorerst ein Rätsel.

 

 

Zu beginn der dritten Solareinheit wurde ich in einen Raum geführt, der dem auf der Galys nicht unähnlich war; eine Liege, Tastaturen, eine Anzahl von Sichtschirmen. Am Kopfende der Liege Überwachungssysteme zur Kontrolle der Hirn- und Körperfunktionen und der wichtigsten: der Hirnkapazität.

Ich streckte mich auf der Liege aus, das Überwachungssystem senkte sich und ich fühlte mich augenblicklich wie von Plasma umgeben, ja ich schwebte förmlich.

Drei Solinen später war mein erster Bildungsschub abgeschlossen. Auf etwas wackeligen Beinen wurde ich zur psychischen Festigung in meine Wohneinheit geführt, um das auf diese Art und Weise vergrößerte Wissen und Bewusstsein zu verarbeiten.

 

Und wieder dieses eigenartige Gefühl: Ich schlief und schlief doch nicht.

Mit meinem Unterbewusstsein verarbeitete ich die auf mich eingeströmten Erkenntnisse.

Formeln und Gesetze, Fakten und Fraktale, mathematisch astronomische Formeln, ihre Anwendung und Anwendungsbereiche usw.

 

Das Programm weckte mich immer nach einer Solareinheit. Es begann mit der Wiederholung des Vorangegangenen. Nur am Anfang wurde uns noch bewusst, dass wir auseinander hielten, was wir bisher kannten, nicht verstanden oder begriffen.

 

Nach Abschluss der Programme wurden uns die neuesten Nachrichten von der Erde vorgelegt.

 

Alle Sicherheitsdienste waren in Aufruhr! Die Schlagzeilen überschlugen sich:

 

                           NEUNUNDVIERZIG MENSCHEN AM GLEICHEN TAG

                          ZUR GLEICHEN STUNDE SPURLOS VERSCHWUNDEN

 

Die Menschen auf der Erde konnten ja nicht wissen, ja sie durften noch nicht wissen!

 

Wahrscheinlich wurde allen zum Erstenmal bewusst, wie sehr wir uns verändert hatten und was uns jetzt von ihnen trennte.

 

Zu Beginn der nächsten Solareinheit stand unsere erste gemeinsame Konferenz auf dem Programm.

„ Wir haben auf der einen Seite die Möglichkeit, die atomaren, von der Erde gerichteten Systeme zu entschärfen und damit ein Chaos auszulösen; auf der anderen Seite die Möglichkeit einen Angriff vorzutäuschen.“

Wenga schob die Schultern nach seiner Redepause nach oben. „ Einen Versuch der Kontaktaufnahme haben wir nicht, jedenfalls nicht offiziell, der Begriff des Hochverrats würde wieder eingeführt.“

 

„ Seid bitte nicht so streng „ lenkte Joel ein, „vergesst nicht, woher ihr jetzt kommt, ihre Grenzen sind zur Zeit erreicht, ihre psychophysischen Stadien voll ausgeschöpft“.

 

Die Solareinheiten vergingen und ein Programm zeichnete sich langsam ab.

Nachdem sich im August des letzten Jahres die Schlagzeilen wegen unseres Verschwindens überschlugen und keine brauchbaren Spuren ermittelt werden konnten, hatte sich die Aufregung allmählich gelegt bzw. wurde sie bald von einer neuen Nachricht übernommen.

 

Jetzt, zehn Monate später, genauer gesagt der 3. Juni, erschien das medizinische Gutachten für die Weltbevölkerung.

Alle zwölf Monate wurden vom internationalen Gesundheitsministerium Daten veröffentlicht:

 

Geburtenzahlen, Sterbefälle, natürliches Ableben, Krankheit oder Unfälle. Erfolge der Medizin, sowie neue Behandlungsmethoden oder dann wie in diesem Fall , beängstigende  Ergebnisse.

 

Diese Daten konnten von allen Bildschirmen abgerufen werden.

Meldungen, die die gesamte Bevölkerung erreichen mussten, wurden angekündigt und auf den öffentlichen Sichtschirmen ausgestrahlt.

 

 

Jetzt zehn Monate später schrieben wir das Jahr 2338, genauer gesagt den 3. Juli.

 

Hier hieß es an diesem besagten Tag:

 

Seit Monaten wird bei 40 % der Neugeborenen eine Blutkrankheit mit Todesfolge festgestellt.

Eine hämolytische Anämie, deren Ursache nicht im Blutgruppensystem angesiedelt ist.

Demzufolge auch kein Morbus hämolyticus neonatorum darstellt.

Vererbbare Faktoren homozygoter oder heterozygoter Natur, sind den bisherigen Nachforschungen zufolge auch zu 99,99 % auszuschließen.

 

Desweiteren konnte in dichtbesiedelten Regionen bei ca. 10 %  der erwachsenen Bevölkerung eine hämolytische Anämie diagnostiziert werden, die in drei Gruppen aufzugliedern ist:

 

-     Reifestörung der Erythrozyten im Knochenmark

-          verkürzte Lebensdauer der Erythrozyten 

-          ca. 75 Tage, normal 120 Tage Mikrosphärozytose

       = verminderte osmotische und mechanische Resistenz der Erythrozyten.

 

Keines der medizinischen Systeme konnte bisher eine Ursache bereitstellen.

Medizin und Wissenschaft stehen vor einem Rätsel.

 

Das war der Stand der Dinge als wir Calamar erreichten.

 

Nun ging es zurück zur Erde um sie und ihre Menschen zu retten.

Unsere Arbeit konnte beginnen.

Wieder dieses Gefühl von schlafen und träumen oder auch nicht.

 

Eigentlich wollte ich mir ja diesen Science-Fiction Film ansehen.

Ich hatte ihn verschlafen. Sehr ärgerlich. Die Calamari vom Abend standen noch da.

Ich ging in´s Bad, frühstückte und überlegte noch ob ich mir den Film nach Feierabend aus der Videothek holen sollte .

 

Dann bestieg ich die Verkehrseinheit vor meiner Haustür und fuhr durch die Innenstadt

zur Arbeit.